Aus Anlass des drastis­chen Rück­gangs unserer Insek­ten­pop­u­la­tio­nen haben ver­schiedene Umwel­tor­gan­i­sa­tio­nen, darunter auch die Orts­gruppe Freiburg der Naturfre­unde, am 12. Dezem­ber 2016 einen offe­nen Brief an MP Kretschmann gerichtet. Der Brief im Wort­laut:

Sehr geehrter Herr Min­is­ter­präsi­dent, sehr geehrter Herr Min­is­ter Hauk, sehr geehrter Herr Min­is­ter Untersteller,

wir haben mit Freude gehört, wie Sie, Herr Min­is­ter­präsi­dent, anlässlich des Parteitages der Grü­nen in Schwäbisch Gmünd am 19. Novem­ber so engagierte und deut­liche Worte zum Thema „Insek­ten­ster­ben“ gefun­den haben. Dieses Prob­lem war vor eini­gen Monaten in den Medien präsen­ter, mit­tler­weile ist es um das Thema wieder ziem­lich still gewor­den. Es kann aber keinen Zweifel geben, dass das „Insek­ten­ster­ben“ von großer Trag­weite ist, für die Land­wirtschaft, für die Ökosys­teme und die Bio­di­ver­sität in unserem Land, und nicht zuletzt für uns alle, die sich einen Früh­ling ohne Schmetter­linge nicht vorstellen können.

Als mit der Tier­welt unserer Heimat ver­traute Natur­in­ter­essierte und Fachen­to­molo­gen reg­istri­eren auch wir seit eini­gen Jahren mit Sorge einen auf­fäl­li­gen Rück­gang von Insek­ten und insek­ten­fressenden Wirbeltieren in Süd­west­deutsch­land. Wir nehmen daher die im Jan­uar 2017 bei der EU-Kommission bevorste­hende Prü­fung der Wiederzu­las­sung der drei Neonikotinoid-Insektizide Cloth­i­an­i­din, Imi­da­clo­prid und Thi­amethoxam zum Anlass, uns mit der Bitte an Sie und an die zuständi­gen Min­is­ter zu wen­den, sich im Rah­men Ihrer poli­tis­chen Möglichkeiten gegen die Wiederzu­las­sung dieser Stoffe einzuset­zen. Aus Sicht zahlre­icher kom­pe­ten­ter Wis­senschaftler sind die zuvor genan­nten Insek­tizide ein wesentlicher Grund für den derzeit­i­gen alarmieren­den, ja beängsti­gen­den Rück­gang vieler Insektenarten.

Wie Sie wis­sen, wurde durch gründliche Unter­suchun­gen und Beobach­tun­gen in Deutsch­land und anderen Län­dern fest­gestellt (1, 2), dass bin­nen weniger Jahre ein erhe­blicher Ein­bruch in den Pop­u­la­tio­nen zahlre­icher Insek­te­narten zu verze­ich­nen ist. Das bet­rifft Blüten besuchende wie auch andere Arten der ver­schieden­sten Insek­ten­grup­pen, am auf­fäl­lig­sten wohl die Honig­bi­ene (3). Die Naturschutzver­bände NABU und BUND rech­nen mit Ein­bußen von bis zu 80 % der Bio­masse an Insek­ten in den let­zten Jahren (4). Als Haupt­grund für dieses “Ver­schwinden” wird jew­eils der Ein­satz von sys­temis­chen Insek­tiziden, namentlich der o. g. Stoffe ver­mutet. Diese Stoffe wirken auf das Ner­ven­sys­tem und somit auf den Ori­en­tierungssinn und das Ver­hal­ten von Insek­ten und anderen Gliedertieren. Darüber hin­aus weisen diese Stoffe lange Halb­w­ert­szeiten auf — je nach Umweltbe­din­gun­gen bis zu mehreren Jahren -  wodurch sie im Boden wie auch im Grund­wasser per­sistieren und wirk­sam bleiben (5).

Dem Rück­gang der Arten­vielfalt in unserer Land­schaft liegt natür­lich noch ein ganzes Bün­del anderer Ursachen zugrunde (z.B. Land­schaftsver­brauch, Monot­o­n­isierung und “Aus­räu­mung” der Land­schaft, Inten­sivierung der Land– und Forstwirtschaft, großflächiger Ein­satz von Her­biziden, Stick­stof­fein­träge, Kli­maverän­derung und zunehmende Luft– und Lichtver­schmutzung). Dieser Prozess ver­läuft bere­its seit vie­len Jahren und ist am deut­lich­sten am Ver­schwinden der Vögel der Agrar­land­schaft sicht­bar (z.B. Kieb­itz, Reb­huhn, Feldlerche). Der 2012 abrupt und vielerorts beobachtete starke Rück­gang bei nahezu allen bestäuben­den und vie­len anderen Insek­te­narten im Süd­westen steht aber offen­sichtlich in direk­tem Zusam­men­hang mit der Aus­saat von Neonikotinoid-gebeiztem Maissaatgut.

Von diesem mas­siven Rück­gang der Insek­ten seit 2012 sind nicht allein die Honig­bi­ene und auch nicht auss­chließlich land­wirtschaftliche Flächen betrof­fen, vielmehr sind sei­ther auch in weniger inten­siv genutzten Bere­ichen im Ober­rheinge­biet, namentlich auch im Kaiser­stuhl, zahlre­iche Insek­te­narten weit­ge­hend aus­ge­fallen. Viele bisher häu­fige Arten sind auf gerin­gere Indi­viduen­zahlen reduziert, während die schon immer recht sel­te­nen Beson­der­heiten der hiesi­gen Insek­ten­fauna seit 2012 kaum noch auffind­bar sind; für einen Teil dieser Arten trägt das Land Baden-Württemberg eine beson­dere Ver­ant­wor­tung (z. B. 6, 7).

Obwohl der Ein­satz von drei Neonikotinoid-Wirkstoffen seit 2013 einst­weilig ver­boten wurde, hat sich die bedrohliche Sit­u­a­tion wegen der Lan­glebigkeit und des Vor­drin­gens der Neonikoti­noide über Luft und Wasser in weit­ere Biotop­bere­iche sogar noch zuge­spitzt. Damit ein­herge­hend wird außer­dem ein nicht min­der drastis­cher und Besorg­nis erre­gen­der Rück­gang an insek­ten­fressenden Wirbeltieren, ins­beson­dere an bes­timmten Voge­larten, wis­senschaftlich nachgewiesen und von vie­len Men­schen beobachtet (8).

Das Insek­ten­ster­ben findet den­noch von bre­iten Kreisen der Bevölkerung unbe­merkt statt. Vielle­icht fällt es Aut­o­fahrern mit gutem Gedächt­nis auf, wenn nach län­gerer Auto­bah­n­fahrt die Wind­schutzscheibe – im Gegen­satz zu früheren Jahren – fast insek­ten­frei ist. Für aufmerk­same Naturbeobachter wird dies auch am Aus­bleiben des früheren Gewim­mels und Gesummes von vie­len Insek­ten auf blühen­den Sträuch­ern im Früh­jahr offen­sichtlich. Nicht zuletzt fällt den mit der Kartierung von Insek­te­narten beauf­tragten Fach­leuten an der Leere ihrer Netze, Klopf­schirme und Fallen die Verän­derung auf. Die bemerkenswert große Arten­vielfalt und Insek­ten­fülle, die wir am südlichen Ober­rhein noch vor 15 Jahren doku­men­tiert haben (9) — u. a. über 2.100 Käfer­arten — ist augen­schein­lich sei­ther stark zurückgegangen.

Als mit­tel– bis langfristige Fol­gen bei einem weit­ge­hen­den Aus­fall der Blütenbestäu­ber wür­den sich für die Land­wirtschaft enorme Ein­bußen ergeben, da in Europa etwa 80 % der Ernte von Bestäu­bern abhängig sind (10). Darüber hin­aus kommt es in der gesamten natur­na­hen Umwelt zu weit­eren schw­eren Beein­träch­ti­gun­gen des ohne­hin gestörten Gleichgewichts.

Die Insek­ten­welt ist schon jetzt so weit­ge­hend dez­imiert, dass es wahrschein­lich Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen wird, bis ihre Vielfalt wieder einiger­maßen hergestellt ist. Wir appel­lieren deshalb an Sie, Herr Min­is­ter­präsi­dent, Herr Min­is­ter Unter­steller und Herr Min­is­ter Hauk, die fol­gen­den Vorschläge und Forderun­gen zu unter­stützen und im Rah­men Ihrer Möglichkeiten und Zuständigkeiten umzusetzen:

Ein voll­ständi­ges und dauer­haftes Ver­bot der Neonikoti­noide in der Europäis­chen Union noch vor Beginn der Veg­e­ta­tion­szeit 2017 als eine der am raschesten real­isier­baren Maß­nah­men, z.B. über die Forderung und Unter­stützung einer Bundesratsinitiative.

  • Die Real­isierung und Erweiterung eines breit angelegten Pro­grammes, entsprechend der ambi­tion­ierten Zielset­zung des Min­is­teri­ums für Ländlichen Raum und Ver­brauch­er­schutz der Vorgänger­regierung (11, 12), als Maß­nahme gegen das Ver­schwinden der Insek­ten, näm­lich die umge­hende Ver­an­las­sung und großzügige Finanzierung von nach­halti­gen Maß­nah­men zur Förderung der Bio­di­ver­sität wie z.B. die Rena­turierung von Ack­er­rän­dern (“Ack­er­rand­streifen”), die kon­se­quente Umset­zung der geset­zlich vorgeschriebe­nen Gewässer­rand­streifen, die möglichst großflächige Neuausweisung bzw. Ver­größerung von Schutzge­bi­eten nach Naturschutz– und Lan­deswaldge­setz sowie die Förderung des Arten-, Biotop– und Land­schaftss­chutzes wie auch der Biol­o­gis­chen Land­wirtschaft auf allen Ebe­nen der Pla­nung, der Ver­wal­tung und der Umset­zung vor Ort.
  • Die als­baldige Ein­führung eines lan­des– und bun­desweiten Langzeit-Monitorings wichtiger Zeiger­grup­pen von Insek­ten und Insek­ten­fressern. Zu fordern sind auch sys­tem­a­tis­che Rück­stand­sun­ter­suchun­gen auf Neonikoti­noide in Böden, Gewässern, Pflanzen und Insekten.
  • Unter­stützung der Ein­rich­tung eines unab­hängi­gen Forschungszen­trums mit der Auf­gabe, alle Ursachen für den aktuell zu beobach­t­en­den Rück­gang der Insek­ten­pop­u­la­tio­nen zu ergrün­den und Schutzkonzepte zu entwick­eln. Dazu gehört auch die Erfas­sung und Auswer­tung von entsprechen­den Unter­suchun­gen, Beobach­tun­gen und Kon­se­quen­zen im In– und Ausland.
  • Die länger­fristige Förderung von Öffentlichkeit­sar­beit zur Stärkung des all­ge­meinen Prob­lem­be­wusst­seins über die weitre­ichen­den Kon­se­quen­zen des Insektensterbens.

Noch ist es nicht zu spät, die Arten­vielfalt unserer Insek­ten­welt und damit die Vielfalt und das Gle­ichgewicht der natur­na­hen Umwelt in Deutsch­land und Europa zu sta­bil­isieren — doch aller­höch­ste Zeit, wenn es dem­nächst zur Abstim­mung über eine mögliche Wiederzu­las­sung der hoch­prob­lema­tis­chen Neonikoti­noide kommt. Eine falsche Entschei­dung hier­bei kön­nte ver­heerende Fol­gen haben und wäre unvere­in­bar mit allen Vorstel­lun­gen von Nach­haltigkeit und umwelt­gerechter Landwirtschaft.

Das Ver­schwinden der Insek­ten und damit eines Teils unserer Leben­squal­ität wird von vie­len Men­schen mit Sorge gese­hen. Daher erwarten die Bürger von der Lan­desregierung, dass dieses Thema mit der notwendi­gen Ern­sthaftigkeit behan­delt wird. Ergreifen Sie im Rah­men Ihrer Möglichkeiten und Zuständigkeiten Maß­nah­men, die diese drama­tis­che Ver­ar­mung unserer Natur in Baden-Württemberg und darüber hin­aus aufhal­ten und bald­möglichst umkehren.

Dazu gehört aktuell ganz beson­ders, mit allen Ihnen zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln die Wiederzu­las­sung der gefährlichen Neonikoti­noide zu verhindern.

Wir sehen Ihren Antworten mit Inter­esse ent­ge­gen und bedanken uns im Voraus für Ihre Unterstützung.

Mit fre­undlichen Grüßen,

Freiburger Ento­mol­o­gis­cher Arbeitskreis

 

Der Brief wird von fol­gen­den Ver­bän­den und Organ­i­sa­tio­nen mitgetragen:

Arbeits­ge­mein­schaft Feld­her­petolo­gie und Arten­schutz Baden-Württemberg e.V.
Arbeits­ge­mein­schaft Fle­d­er­mauss­chutz Baden-Württemberg  e.V.
Badis­cher Lan­desverein für Naturkunde und Naturschutz e. V.
Bund für Umwelt und Naturschutz Deutsch­land (BUND), Lan­desver­band
BUND-Regionalverband Südlicher Ober­rhein
Ento­mol­o­gis­che Arbeits­ge­mein­schaft im Natur­wis­senschaftlichen Verein Karl­sruhe e.V.
Fach­schaft für Ornitholo­gie Südlicher Ober­rhein
Lan­desnaturschutzver­band Baden-Württemberg (LNV)
Naturfre­unde Baden-Württemberg
Naturfre­unde, Orts­gruppe Freiburg
Naturschutzbund Deutsch­land (NABU), Lan­desver­band Baden-Württemberg
Schutzge­mein­schaft Deutscher Wald, Kreisver­band Freiburg
Schutzge­mein­schaft Libellen in Baden-Württemberg e.V.

Dieser Offene Brief wurde ini­ti­iert und for­muliert
vom Freiburger Ento­mol­o­gis­chen Arbeit­skreis (FREAK)

Kon­tak­t­per­so­nen:
Wolf­gang Pankow, Dipl.-Biologe, Haupt­str. 22, 79804 Dogern
Mail: wolfgang.pankow@t-online.de
Dr. Frank Baum, Dipl.-Biochemiker, Wei­her­weg 13, 79219 Staufen
Mail: fr.baum@gmx.de